Die Erfolge der modernen Medizin

vor dem Hintergrund humaner Sinnerfahrung

Die Fortschritte der Medizin in unserer Zeit sind ohne Zweifel beeindruckend. Man braucht dazu etwa nur die Lebenserwartung früherer Generationen mit uns Heutigen zu vergleichen. Die mittlere Lebenserwartung betrug in der griechisch-römischen Antike 20 Jahre, ja selbst im 18. Jahrhundert noch nicht mehr als 35 Jahre. An der Wende zum 20. Jahrhundert war die Lebenserwartung im Vergleich zur heutigen Generation mit 45 Jahren noch unglaublich gering. Dies vor allem, wenn man bedenkt, dass wir mittlerweile durchaus schon 80 Jahre und mehr alt werden können. Diese Entwicklung ist zum Teil durch die Verbesserung der Lebensbedingungen, der allgemeinen Hygiene und der Ernährung, im Wesentlichen aber durch die Fortschritte der Medizin zu erklären.

Doch diese unbestreitbaren Fortschritte der Medizin, die unglaublich vieles ermöglicht haben, was zuvor undenkbar erschien, haben zahlreiche neue Probleme entstehen lassen. Es sind vor allem ethische Probleme, die die moderne Medizin gleichzeitig mit ihren Erfolgen aufgeworfen hat. Dies betrifft vor allem die Gebiete der Intensiv-Medizin, der Transplantationsmedizin, der Reproduktionsmedizin, der Onkologe und der Geriatrie. Erst unlängst wurde z.B. aus den USA gemeldet, dass es nunmehr mittels der modernen Genetik möglich geworden ist, aus den vorhandenen Embryonen jenes Kind auszusuchen, dass einem wünschenswert erscheint. Geschlecht, Haarfarbe, Größe, Intelligenz, Lebenserwartung können so vorbestellt und ausgesucht werden, wie ein Staubsauger oder ein neues Auto auch. Andererseits gilt es auch zu bedenken, dass mit diesen Errungenschaften zahlreiche Erkrankungen vermieden werden und so ein Beitrag für ein gesünderes Menschsein geleistet werden kann. Da tut sich längst schon die Frage auf: „Dürfen wir noch alles, was wir können.“ Kein Zweifel: die moderne Medizin kann heute Türen in solche Bereiche aufbrechen, die bisher nicht denkbar und damit auch in ihren ethischen Implikationen nicht vorhersehbar waren. Es besteht kein Zweifel daran, dass die dem Fortschritt verpflichteten, forschenden Ärzte diese neu aufgeworfenen ethischen Probleme nicht alleine lösen können, sondern sich der Hilfe anderer Disziplinen, vor allem der Philosophie, der Moraltheologie und der Rechtswissenschaften versichern müssen.[1] So muss z.B. die Frage, ob das Heil des Kranken in einer Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten oder in der Ermöglichung eines menschenwürdigen Sterbens liegt, neu beantwortet werden, zumal heute alltäglich auftretende Entscheidungszwänge im Spannungsfeld des technischen Fortschritts, etwa in der chronischen Dialysebehandlung, einer künstlichen Ernährung, die Indikationsstellung zu einer Reanimation oder einer antibiotischen Therapie bei unheilbar kranken oder sehr alten Menschen diese Maxime häufig wenig hilfreich erscheinen lassen. Wenn man bedenkt, dass für viele Ärzte-Generationen die bestimmende Richtung ihres Handels das „Nil nocere“ und „Salus aegroti suprema lux war, dann mag wohl sichtbar werden, welch neue Denkanstöße und ethische Parameter heute individuell und generell gefunden werden müssen, trotz und gerade wegen allem Fortschritts.

Entwicklung der modernen Medizin

In den Vorstellungen prähistorischer Kulturen, der frühen Hochkulturen sowie der sogenannten „primitiven Völker“ unserer Zeit waren Krankheit durch Dämonen oder böse Geister verursacht oder wurden als Strafe der Götter angesehen. Die Behandlung von Krankheiten oblag damit den Priestern, Schamanen, Medizinmännern oder „weisen Frauen“. Diese allerdings hatten es im christlichen Europa besonders schwer, heilte doch in einer letzten Konsequenz niemand geringerer als Jesus, und die Priester waren als seine unmittelbaren Vermittler auserwählt. Weil da nirgends die Rede von Frauen war, durften Frauen nicht heilen, ansonsten waren alle Strafen tatsächlich, wer weiß nicht von den tragischen Scheiterhaufen, wo viel Glauben, Wissen und Heilkräfte ihr Leben lassen mussten. Im Zentrum der Behandlung von Krankheiten stand die Austreibung oder Abschreckung von Dämonen bzw. die Versöhnung der zürnenden Götter. Erst in der hippokratischen Medizin wurde dezitiert ausgesprochen, dass z.B. die Epilepsie, die „heilige Krankheit“ nicht Strafe der Götter sei, sondern wie die anderen Krankheiten auch eine natürliche Ursache haben können.

Im mittelalterlichen Europa gewann wieder Magie und Wunderglauben sowie die Vorstellung von Krankheiten und Seuchen als Strafe des zürnenden Gottes eine zunehmende Bedeutung. Erst in der Renaissance bereitete erneut den Boden für eine wissenschaftliche Erforschung des menschlichen Körpers und die Entdeckung krankhafter Zusammenhänge für die Deutung von Krankheiten. Die Anatomie des VESAL („DE humani corporis fabrica“) bewirkte eine Revolution in der ärztlichen Ausbildung und der wissenschaftlichen Entwicklung der Medizin. Seit PARACELSUS, der von der Vorstellung ausging, dass der menschliche Körper eine chemische Maschine sei, gewann dann die Chemie zunehmend Einfluss auf die Medizin. Die weitere Entwicklung wurde seitdem bestimmt durch die Fortschritte der Naturwissenschaften und ihre Nutzbarmachung bei der Erforschung von Krankheiten, ihren Ursachen und vor allem ihren Behandlungsmöglichkeiten.

Wir sehen also an diesen kurzen Hinweisen, dass die historische Entwicklung der Medizin durch eine zunehmende Entmystifizierung, Abbau des Magischen und zunehmende Rationalisierung gekennzeichnet war. Als Höhepunkt dieser Entwicklung kann vielleicht der sogenannte „Materialismusstreit“ im 19. Jahrhundert gesehen werden. Im Jahr 1854 kam es unter deutschen Forschern in Göttingen zu einer fundamentalen Auseinandersetzung zwischen Glaube und Naturwissenschaft. So wollte der Mediziner Rudolph Wagner noch einmal aufgrund philosophisch-theologischer Argumente eine besondere „unsichtbar-unwägbare Seelensubstanz“ behaupten.[2] Wagner konnte sich in keiner Weise mehr durchsetzen, ja im Gegenzug etwa nannte der Physiolog Carl Vogt solche Gedanken geringschätzig „Köhlerglaube“[3]

Krise einer Allmachtsmedizin und der Versuch einer Entlastung

Für die große Öffentlichkeit damals stand fest, dass der mechanisch-naturgesetzliche Zusammenhang ohne philosophisch-theologische Vorbehalte bis ins letzte zu erforschen sind. Im weiteren stand fest, dass Glaubensüberzeugungen in naturwissenschaftlich-medizinischen Fragen nichts zu suchen hatten. Der Glaube, dass man in der Medizin von quantitativ messbaren Untersuchungen und Experimenten auszugehen hatte, fand ihren endgültigen Durchbruch. Doch zeichnet sich nun schon seit längerem eine Neuorientierung zum Patienten als ganzen Menschen, zum Ethos und damit indirekt auch zur religiösen Frage hin ab.[4] Bei allem Erfolg der Medizin erleben wir heute auch gegenläufig eine kritische Anfrage an eine Allmacht des Wissenschaftsglaubens. Die Erfahrung der Fortschritte der Medizin und dadurch geweckte unkritische Fortschrittsgläubigkeit haben zu einer Erwartungshaltung geführt, die erfolgreiche Behandlung aller Krankheiten unter allen Umständen voraussetzt, Gesundheit und Wohlbefinden als Anspruch an die moderne Medizin und die Gesellschaft empfindet und dabei die Grunderfahrung der Endlichkeit menschlichen Lebens verdrängt.

Ein weiteres Problem in der Entwicklung der modernen Medizin ist die zunehmende Ökonomisierung durch den medizinisch-industriellen Komplex. Der medizinische Bereich ist inzwischen weltweit zu einem der am stärksten Wirtschaftszweige geworden. Damit aber besteht die Gefahr der Überbewertung kostenintensiver Technologie mit zunehmender Technisierung und Kommerzialisierung, wodurch die Ärzte zu Anbietern finanziell orientierter Bedingungen und Verpflichtungen im Gesundheitswesen werden können. Vor einer Medizin, die zu einer seelenlosen Vermarktung und zu einer ausschließlichen Organmedizin verkommt, müssen sich Türme von Bedenken einstellen. Eine Medizin, die zwar um einen Befund weiß, aber nichts mehr von der Person, ist in sich unbarmherzig und wohl auch inhuman. Paul Dubois hat einmal mit scharfer Zunge gesagt: „Dann nämlich unterscheidet man sich vom Tierarzt nur mehr durch die Klienten.“[5]

Die moderne Medizin mit ihren unbestreitbaren Fo[6]rtschritten ist nicht die Ursache der gegenwärtigen Krise in der Einstellung zu Krankheit, Leiden und Tod, wie wir heute vielfach erleben. Niemand wird ernsthaft einen Rückschritt auf die Stufe der primitiven Medizin oder des medizinischen Standards der Entwicklungsländer wünschen. Es geht nicht um ein Zurück hinter den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt der Medizin, sondern es geht um die Integrierung dieses Fortschritts in ein Menschenbild, dessen Ursprung, Aufgaben und Ziele bewusst gemacht sind. Im Allgemeinen ist heute in diesem Zusammenhang von einem „ganzheitlichen Menschenbild“ die Rede. Es tut er Medizin keinen Abbruch, wenn wir feststellen dürfen, dass die „Summe des Menschlichen größer ist, als seine Einzelteile vermuten lassen.“ Der Mensch ist dann hoffentlich auch für die Medizin noch etwas ganz anderes als ein Befund, eine Diagnose und eine medizinische Intervention. Denn: „Der Verstand und seine Begriffe sind nicht fähig, weder in das Wesen in Dinge wirklich einzudringen noch die Wahrheit des Seienden im Grunde offenzulegen.[7]

Mit einem berührenden Wort Eugen Bisers möchte ich meinen kleinen Rundgang beschließen. Es mag die Medizin entlasten, auf alles Antwort geben zu müssen und zu dürfen. Es mag sie entlasten anzunehmen, dass nicht sein kann, was nicht messbar ist. Oder anders gesagt: Es gibt ein Menschsein außerhalb der Medizin.

„Denn er, der Mensch, ist jenes paradoxe Wesen, das ungeachtet seiner allseitigen Bedingtheit nur im Unbedingten Genüge findet, weil es mit seiner Sinnspitze ins Gottesgeheimnis hineinragt. Er ist, anders ausgedrückt, jenes exzentrische, sich selbst unendlich übersteigende Wesen, das Gott braucht, um – zu sich selbst zu kommen.“[8]

Schöner als Rainer Maria Rilke kann man diese „unsere andere Welt“ wohl kaum beschreiben:

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“

Hier bin ich also angelangt was mein tiefes Geheimnis, mein Person-sein und Ich-sein anlangt, wo ich alleine zu bleiben habe, mit meiner Sinnsuche und der Frage nach einem letzten Sinn, nach Gott. Ich bin jedem Mediziner dankbar, der sich an dieser Stelle zurückzieht, mir nichts verschreibt, mich nicht diagnostiziert, nichts von mir und nichts für mich will. Mein Respekt für die Medizin wird dadurch um nichts kleiner, ganz im Gegenteil.

Dr. Johannes Wolfslehner, März 2009

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[1] Vgl. K. Wilms, Möglichkeiten und Grenzen der modernen Medizin, in: Sinnverlust und Sinnfindung in Gesundheit und Krnakheit. Gedenkschrift zu Ehren von Dieter Wyss, (hrsg.) v. H. Csef. Würzburg 1998.
[2] R. Wagner, Menschenschöpfung und Seelensubstanz. Ein anthropologischer Vortrag, gehalten in der ersten öffentlichen Sitzung der 31. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Göttingen am 18. September 1854
[3] Vgl. C. Vogt, Köhlerglaube und Wissenschaft. Gießen 1854
[4] Vgl. H. Küng, Ewiges Leben? München 1982. S. 21
[5] Vgl. V.E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München 1985. S. 264
[6] R.M. Rilke, aus: Das Stundenbuch 1899. 20.9. Berlin Schmaugendorf – Das Buch vom Mönchischen Leben
[7] Vgl. J.G. Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf, in: magus des Nordens, Hauptschriften. Hrsg. V. O. Mann. LEIPZIG !)§/
[8] E. BIser, Glaube und Sinnfindung, in: Sinnverlust und Sinnfindung. Würzburg 1998. S. 67

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